Meine erste und längste reise
Dass meine erste Reise über ein halbes Jahr gedauert hat, war den Umständen geschuldet. Der verlorene Weltkrieg war erst wenige Jahre zu Ende, die Infrastruktur zerstört. Jede Reise war ein Wagnis und ein Abenteuer. Meine erste Reise war auch die einzige, an die ich mich nicht erinnern kann, bis auf das Ende. Also berichte ich, was mir meine Mutter immer und immer wieder erzählt hat. Mit dem Älterwerden auch in unterschiedlichen, meist grausameren Versionen.
Ich war vier Jahre alt und hatte meinen Vater noch nie gesehen. Nur ein Hochzeitsfoto hing über meinem Bett, dass ich jeden Abend vor dem Schlafengehen küsste. Pappi war seit seiner letzten Heimreise wieder in den Krieg nach Russland gezogen und seitdem verschollen. Bei seiner Abreise hatte er meiner Mutter aufgetragen, auf keinen Fall meinen Geburtsort zu verlassen. Er wusste, dass der Krieg bereits verloren war. Die einzige Möglichkeit des Wiedersehens bestand darin, sich bei einer bekannten Adresse zu melden.
Also erlebte meine Mutter erst das Ende des Zweiten Weltkrieges, dann den Einmarsch russischer, danach polnischer Truppen. Wir waren schon lange aus unseren Häusern vertrieben worden, hatten alle Wertgegenstände an die Besatzer verloren und wohnten zusammen mit den Großeltern und anderen Vertriebenen in Gemeinschaftsunterkünften. Von meinem Vater fehlte jedes Lebenszeichen. Meine Mutter war zwangsverpflichtet bei polnischen Bauern und erhielt dafür ein paar Lebensmittel, die wir dringend zum Überleben benötigten. Im Ort gab es viele Gerüchte über die deutschen Soldaten, die in russische Gefangenschaft geraten waren oder das Ende des Krieges nicht überlebt hatten. Manche Frauen hatten noch in den letzten Kriegstagen die Nachricht vom Tod des Ehegatten erhalten. Meine Mutter wusste über den Verbleib ihres Mannes nichts.
Bis eines Tages ein Brief in der polnischen Behörde einging, der ihr übergeben wurde. Er trug die Handschrift meines Vaters und kam aus einem Ort, von dem wir noch nie gehört hatten. Der Brief war einige Wochen unterwegs gewesen. Als er in Langenberg abgeschickt wurde, hatte mein Vater dort eine kleine Arbeit im Lazarett als Pförtner gefunden, es ginge ihm gut und er wartete sehnsüchtig auf den Nachzug seiner Familie.
Meine Mutter war voller Sorge. Wie war mein Vater nach Langenberg gekommen? Ging es ihm wirklich gut oder wollte er uns nicht beunruhigen? War er verletzt worden? Warum war er nicht in Kriegsgefangenschaft geraten? Wie sollten wir zu ihm kommen? Das waren alles große Probleme, die es zu lösen galt. Und dann waren da noch die Schwiegereltern, die sie auf keinen Fall zurücklassen wollte. Aber die Ausreise verzögerte sich auf unbestimmte Zeit. Meine Mutter hatte eine Arbeit in der polnischen Behörde gefunden und wurde dort dingend benötigt. Der neue Bürgermeister wollte sie nicht gehen lassen. Er gebot ihr aber, alles Notwendige zu packen, weil eine Ausreise möglicherweise in wenigen Stunden zu erfolgen hatte.
Also saßen wir über einige Monate reisefertig in unserer kleinen Kammer. Was wir mitnehmen konnten, war nicht viel. Opa, Oma, meine Mutter und ich hatten jeweils einen Rucksack gepackt. Jedenfalls blieb noch genügend Zeit, um planvoll zu überlegen, was wirklich wichtig und nicht allzu schwer war: Sparkassenbücher, Dokumente über Grundbesitz, Ausweise, Bargeld und Kleidung. Mutti wollte aber auf keinen Fall auf einen schweren Bratentopf verzichten. Wie sollte man denn sonst das Essen zubereiten, da das meiste Metall während des Krieges eingeschmolzen wurde, um daraus Waffen herzustellen? Ein Kochtopf war viel zu wertvoll, um ihn den Polen zu hinterlassen.
Also saßen wir den ganzen Winter bis zum Frühjahr 1945 auf unseren gepackten Sachen, die sich mehrmals den geänderten Witterungsverhältnissen anpassen mussten. Endlich erhielten wir umgehend den Ausreisebefehl, dem wir innerhalb von 24 Stunden Folge leisten mussten. Meine Mutter schrieb noch einen letzten Brief an die ihr bekannte Adresse in Langenberg und übergab mir meinen Teddy, in dem die wertvollsten Dinge eingenäht waren. Auf den musste ich wie auf einen Schatz aufpassen. Es war bekannt, dass marodierende Banden die Flüchtenden überfielen und ausraubten. Aber selten den Kindern ihr Spielzeug abnahmen. Die Großeltern erhielten einen anderen Schatz. Meine Mutter hatte Schmalz ausgelassen und in das sich verfestigende Fett den größten Teil der Bargeldreserven getunkt. Als das Schmalz erkaltete, war das Geld nicht mehr zu sehen. Nur den Teil, den man wahrscheinlich als Schmiergeld und für dringende Ausgaben benötigte, hatte meine Mutter in ihre Kleider eingenäht. Also machten wir uns am Abend zum Bahnhof auf, um den nächsten Zug in Richtung deutsche Grenze zu nehmen, der am Morgen eintreffen sollte.
Auf dem Bahnhof war bereits eine große Menschenmenge versammelt, die auch komplett Richtung Westen wollte. Als der Güterzug schließlich einlief, war er bereits überfüllt. Für eine Mutter mit Kleinkind gab es keine Möglichkeit, dort ohne Risiko hineinzukommen. Also mussten wir auf einen anderen Zug warten. Der hatte zwar richtige Abteile, war aber genauso überfüllt, wie der vorhergehende. Die Menschen standen auf den Trittbrettern und klammerten sich an den Türen fest. Meiner Mutter gelang es, sich zum Schaffner durchzukämpfen. Der versprach ihr drei Sitze in seinem Dienstabteil gegen ein ordentliches Trinkgeld. Tatsächlich schloss er sein Abteil für uns auf, als die entsprechende Summe gezahlt war. Jetzt machten wir uns auf den Weg. Allerdings kamen wir nicht weit. Denn bereits nach vier Stopps war die Endstation erreicht.
Dieses Prozedere wiederholte sich nun einige Male und dauerte Wochen. Warten auf einen neuen Zug, der überfüllt war. Bestechung eines Schaffners, wenn noch Platz in seinem Abteil war oder auch Übernachten auf dem Bahnhof bis zum nächsten Zug. Geschlafen wurde abwechselnd, da man immer befürchten musste, ausgeraubt zu werden. Meine Großmutter hatte die Fahrt schon sehr geschwächt angetreten. Von ihren Lebensmittelrationen zweigte sie immer etwas ab, damit ich mehr zu essen hatte. Sie war vollkommen ausgehungert und quälte sich von Bahnhof zu Bahnhof. Als wir schließlich nach Wochen in Eisleben ankamen, ging es ihr so schlecht, dass wir die Weiterreise unterbrechen mussten. Schließlich erlitt sie eine Lungenentzündung, von der sich ihr schwacher Körper nicht wieder erholte. Wenige Tage später verstarb sie in den Armen ihres Mannes, der sie hier nicht alleine lassen wollte. Er beschloss, in Eisleben zu bleiben. Nach der Beerdigung war der Abschied schmerzhaft. Meine Mutter hatte die Verantwortung für die Eltern ihres Mannes übernommen, aber sie würde irgendwann in Langenberg ohne sie eintreffen. Wie sollte sie das vermitteln? Und wie würde man je wieder mit meinem Großvater zusammen treffen?
Eigentlich machte sich meine Mutter keine so großen Sorgen um das Wohlergehen ihres Schwiegervaters. Der war es seit Ende des Zweiten Weltkrieges gewohnt, sich mit schmalem Einkommen durchzuschlagen. Er bezog nämlich Zeit seines Lebens wegen einer geringen Kriegsverwundung eine kleine Rente, mit der er sich und später auch seine Familie ernährte. Er war immer in Angst, dass man ihn zu einer Nachuntersuchung bestellen könnte und seine sichere Einnahmequelle damit versiegen könnte. Aber das geschah nie. Und so kam es, dass mein Großvater Zeit seines Lebens ohne Arbeit glücklich war.
Der Abschied war kurz und schmerzlos. Aufgrund seiner Verletzung erhielt Opa einen Platz in einem Pflegeheim. Wir machten uns auf die Weiterreise. Die verlief genauso holperig wie vorher. Wir bestiegen einen Zug nach Magdeburg und hofften dort auf eine Verbindung nach Westdeutschland. Aber zunächst ging es nur bis Quedlinburg. Dort mussten alle aussteigen, niemand durfte weiterreisen. In Quedlinburg war eine Seuche ausgebrochen, die gesamte Stadt stand unter Quarantäne. Also mussten wir uns ein Quartier und meine Mutter sich eine Arbeit suchen, um diese Zeit zu überbrücken. Wie lange wir dort auf die Weiterreise gewartet haben, weiß ich nicht mehr genau. Aber letztendlich sind wir im Frühjahr 1949 von Stolp aufgebrochen und am 10. September in Langenberg eingetroffen.
Mein Vater hatte inzwischen eine besser bezahlte Arbeit gefunden. Meine Mutter fragte sich durch, wo sie ihn finden konnte. Endlich öffnete ich die Türe zu seinem Büro und sah ihn zum ersten Mal in meinem Leben leibhaftig vor mir stehen. Ich rannte auf ihn zu in seine ausgebreiteten Arme und drückte ihn ganz fest. Der 10. September 1949 ist der Tag in meinem Leben, in dem meine Erinnerung einsetzt. Jedes Detail im Büro meines Vaters kann ich beschreiben. Er saß links hinter einer langen Theke, vor der Besucher ihr Anliegen vortrugen. Diese Theke hatte in der Mitte einen Durchgang, der durch eine Klappe abgesperrt war. Aber unter der Klappe konnte ein kleiner Junge wie ich mühelos durchschlüpfen, was ich auch tat, ohne lange zu fragen.
Nun ging also meine erste Reise dem Ende entgegen. Mein Vater durfte seine Arbeit vorzeitig verlassen und uns unser neues Zuhause zeigen. Das war ein einziges Zimmer, hoch auf einem Berg. Es war Schlaf-Wohnzimmer mit Küche und Waschecke. Was wir noch nicht wussten – aber woher auch? – es gab noch einen vierten Bewohner. Der Stiefvater meiner Mutter hatte seinen Weg zu uns gefunden. Da er selber keine Wohnung bekam, schlief er auch bei uns. Ich hatte einen neuen Opa gefunden.
Der fünfunddreißigste Geburtstag meiner Mutter war am nächsten Tag. Wir hatten uns so beeilt, um an diesem Tag wieder gemeinsam feiern zu können. Aber an Feiern war nicht zu denken. Mein Vater hatte eine andere Überraschung für uns. Im Frühjahr, als er keine Informationen von uns hatte, hatte er seine Kartoffeln einem Bauern zur Aussaat gegeben. Der wollte ihm die Menge zur Erntezeit verdreifachen. Aber ausheben mussten wir die schon selber. Also feierte meine Mutter ihren Geburtstag auf dem Feld und sammelte ein, was wir in den nächsten sechs Monaten dringend zum Essen benötigten. Mit ihren besten Schuhen, die sie in ihrer glücklichen Zeit zum Tanzen angezogen hatte. Denn Platz für ein zweites Paar gab es nicht auf der Reise.